Berichte aus erster Hand

Ein Ziel der Wohnungslosenhilfe besteht darin, Betroffene zu unterstützen, einen sozialen, gesundheitlichen, körperlichen, seelischen und beruflichen Abstieg zu verhindern. Wie blicken Menschen, die tagtäglich mit Wohnungslosen in Kontakt sind, auf deren Situation? Woran arbeiten sie konkret vor Ort, was sind drängende Probleme und welche Ziele vefolgen sie? Dazu haben wir Mitarbeiter*innen im Bereich Wohnungslosenhilfe befragt. 

Das Leben auf der Straße steht jeglicher persönlichen Entwicklung entgegen. Eigener Wohnraum ist unabdingbar, um Ohnmachtsgefühlen entgegenzuwirken und eigenes Potential einbringen zu wollen. Unabhängig davon, wieviel Quadratmeter ein Zimmer hat, ist es Grundvoraussetzung für den Wunsch, ein Teil unserer Gesellschaft sein zu wollen. Erst dann können Unterstützungsangebote ihre volle Wirksamkeit entfalten.

 

Claudia Kück-Jorkowski, Caritasverband für den Bezirk Hochtaunus e.V., Leitung Wohnungslosenhilfe,

"Uns fehlen schöne Momente und Erlebnisse außerhalb des Wohnheimalltages – deshalb würden wir gerne eine Freizeit mit den Bewohnern planen. Ein paar Tage verreisen, eine andere Umgebung, gemeinsame Aktivitäten sind für alle Menschen erholsam und geben neue Kraft im Alltag."

 

Ilona Stanzel, Caritasverband für den Bezirk Limburg e.V., Caritas Wohnungslosenhilfe

"Mir ist es wichtig, dass Angebote vorgehalten werden können, die über Versorgung und Beratung hinausgehen. Ich denke hier an kulturelle Angebote und Bildungsangebote. Ein Beispiel ist unser Musikprojekt 'Nixdruff?' Hier können die Menschen sich ausprobieren, ihre Talente pflegen und die Erfahrung machen, dass sie für das, was sie tun, wertgeschätzt werden. Diese Erfahrung machen viele unserer Klient*innen nicht oft. Dafür sollten wir unbedingt mehr Ressourcen bereitstellen."

 

Michael Friedrich, Caritasverband für den Bezirk Limburg e.V., Caritas Wohnungslosenhilfe

Wohnungslose Menschen sind eine hoch vulnerable Patientengruppe, deren schwierige Lebensbedingungen sie besonders anfällig für körperliche und / oder seelische Erkrankungen machen. Auch deren gesundheitliche Versorgung ist prekär. Gesundheitliche Ungleichheiten verstärken sich in Krisen- und Umbruchzeiten. Wir brauchen Zugänge für gerechte Verteilung gesundheitlicher Versorgung, insbesondere für nicht- krankenversicherte wohnungslose Menschen.  Wir realisieren in unserem Beschäftigungsprojekt sinnstiftende Tätigkeit, soziales Miteinander, Wertschätzung, schaffen Zuversicht, fördern Fähigkeiten.  Wir benötigen faire Möglichkeiten und Finanzierung, um berufliche Zukunftsperspektiven wachsen lassen zu können.

 

Christina Auer, Caritasverband für den Bezirk Limburg e.V., Caritas Wohnungslosenhilfe

Beziehungsarbeit muss mehr in den Vordergrund der Zusammenarbeit mit unserer Klientel rücken, denn ohne Beziehung kein Vertrauen. Hiermit meine ich nicht nur das Vertrauen in uns als Einrichtung, sondern auch das Vertrauen unserer Klienten in sich selbst und die Aktivierung der Selbstwirksamkeitskräfte, die jeder unserer Klienten in sich trägt. Dieses Vertrauen ist Grundlage für eine erfolgreiche Veränderungsarbeit. Eine gute Beziehungsarbeit als Fundament dieses Prozesses benötigt die vermehrte Finanzierung für Freizeitangebote und einen kleinen Personalschlüssel, um die Klienten bedarfsgerecht unterstützen zu können.

 

Kristina Borgardt, Caritasverband Wetzlar/Lahn-Dill-Eder e.V., Wohnungslosenhilfe 

Wünschenswert wäre eine zielgerichtete bzw. aufsuchende Sozialarbeit, wie zum Beispiel die Arbeit an Szeneplätzen, die eine gute Möglichkeit für Erstkontakte bietet. Denn einige Klient*innen finden den Weg in unsere Einrichtung nicht oder trauen sich nicht, aktiv nach Unterstützung zu fragen. Durch diese Herangehensweise kann sehr niedrigschwellige Hilfe geleistet und eine erste Beziehungsarbeit ermöglicht werden.

 

Lena Schroth, Caritasverband Wetzlar/Lahn-Dill-Eder e.V., Wohnungslosenhilfe

Es braucht eine bundeseinheitliche Regelung zur Krankenversicherung – z.B. einen durchgängigen Versicherten- bzw. Versicherungsschutz.

 

Heike Grebe, Caritasverband Wetzlar/Lahn-Dill-Eder e.V., Wohnungslosenhilfe

Wir brauchen Angebote, die eine stärkere Personenzentrierung ermöglichen. Die Basis für solche individuelleren Unterstützungsangebote sind u.a. angemessener Wohnraum und mehr Betreuungszeit für unsere Klienten und die Förderung multiprofessioneller Arbeitsmöglichkeiten.

 

Julia Kusminder, Caritasverband Wetzlar/Lahn-Dill-Eder e.V., Wohnungslosenhilfe 

Es fehlt an bezahlbarem Wohnraum! Die daraus resultierende Wohnungsnot bezieht sich auf alle Bevölkerungsgruppen. Vor allem sozialbenachteiligte Menschen bzw. Menschen mit geringem Einkommen, Alleinerziehende, Migranten, ältere und behinderte Menschen, Großfamilien sowie Auszubildende und Studierende sind besonders betroffen. Zudem sind durch die steigenden Energiepreise die Energiekosten oftmals nicht mehr bezahlbar, wodurch für viele Menschen Miet- und Energieschulden entstehen, die nicht selten zu Konflikten mit den Vermietern – bis hin zum Wohnungsverlust ­– führen. (Drohende) Wohnungslosigkeit ist stark verbunden mit Armut und „sozialen Unsicherheiten“, wodurch vielfältige Problemlagen entstehen können. Um die betroffenen Menschen bei ihren individuellen Problemlagen im Alltag besser unterstützen zu können, bedarf es an flächendeckenden Hilfeangeboten, die über eine Beratung hinaus, eine fachliche „Alltagsbegleitung“ sicherstellen. 

 

Daniel Seeliger, Caritasverband Westerwald-Rhein-Lahn e. V., Fachberatungsstelle Wohnraumsicherung

Die Problemlagen von wohnungslosen Menschen haben sich analog der gesellschaftlichen Entwicklung gewandelt. Viele Menschen kommen mit den immensen Anforderungen der heutigen Gesellschaft nicht mehr zurecht und scheitern. Ihre Problemlagen werden vielfältiger und spezifischer. Die (stationäre) Wohnungslosenhilfe kann die hierfür geforderte Fachlichkeit nicht leisten. Insbesondere wünsche ich mir im fachlichen Netz schnellere und fließende Übergänge in weiterführende Hilfen und Wohnformen, die ineinander greifen und lange, belastende Wartezeiten vermeiden.

 

Joachim Grämer, Caritasverband Westerwald-Rhein-Lahn e. V. Einrichtungsleitung Leitung Fachbereich Existenzsicherung

Die Wohnungslosenhilfe ist oft eine Art Schatten in der Öffentlichkeit. Sie stellt ein dauerhaftes gesellschaftliches Problem dar, das häufig in den sozialpolitischen Hintergrund gerückt wird. Notwendig ist, dass die Wohnungslosenhilfe in einen gesellschaftlichen Fokus gelangt, um den Klienten definitiv notwendige und vor allem individuell angepasste Hilfen anbieten zu können.  Die jungen wohnungslosen Menschen in unserer Außenwohngruppe tragen oftmals einen großen Rucksack voller Sorgen und Probleme mit sich. Von grundlegender Bedeutung in diesem Bereich ist es, den Bewohner dabei zu unterstützen, Vertrauen in das individuelle Umfeld und besonders in die eigene Person zu entwickeln. Zudem ist die Erarbeitung und Pflege eines großen fachlichen Netzwerks, mit denen gemeinsam auf eine individuelle Perspektive hingearbeitet werden kann, absolut notwendig. 

 

David Zirwes, Caritasverband Westerwald-Rhein-Lahn e. V., stationäre Wohnungslosenhilfe 

„Was sich entwickeln darf, ist eine Verbesserung der Transparenz in Bezug auf Ansprechpartner für die kommunale Unterbringung.“

 

Uwe Meis, Caritasverband Westerwald-Rhein-Lahn e. V., Haus St. Christophorus, Lahnstein

„Administrative Tätigkeiten stehen häufig im Mittelpunkt der Arbeit – der Bewohner als Mensch rückt dadurch immer mehr aus dem Fokus. Was dringend gebraucht wird, ist mehr Zeit für die Arbeit MIT dem einzelnen Bewohner. Wenn ich darüber nachdenke, an wie vielen Arbeitstagen ich die Einrichtung verlasse, OHNE mit einem Bewohner ein Gespräch geführt zu haben, das über die Begrüßung und für ihn verwaltende Tätigkeiten hinausgeht, kommen Unzufriedenheit und Zweifel an Sinn und Zweck der Arbeit auf. Zeit und Ressourcen für gemeinsame Freizeitmaßnahmen oder kulturellen Veranstaltungen würden Raum für Beziehungsarbeit bieten, der außerhalb des stationären Kontextes liegt.“

 

Andrea Braß, Caritasverband Westerwald-Rhein-Lahn e. V., Haus St. Christophorus, Lahnstein

"Die Ausstattung in unserem Kontaktcafé, in dem wir wohnungslose, drogengebrauchende Klient*innen aus den Tagesruhebetten und der Übernachtungseinrichtung versorgen, muss dringend erneuert werden, damit ein angemessenes Arbeiten weiterhin möglich ist. Unsere Klient*innen verdienen Orte, an denen sie sich wohlfühlen und von der Hektik auf der Straße erholen können “

 

Andreas Steinbacher, Jugendberatung und Jugendhilfe e.V., Frankfurt, Drogennotdienst (DND)

„Für die Klient*innen im Bahnhofsviertel bedarf es Versorgungsmöglichkeiten, die barrierefrei erreichbar sind. Unserer Klient*innen sind häufig körperlich durch das Leben auf der Straße und den zum Teil jahrelangen Drogengebrauch gezeichnet. Die Hilfsangebote, zur Übernachtung, Körperhygiene oder psychosozialen Unterstützung sollten für unsere Klient*innen gut erreichbar sein.“

 

Andreas Henke, Jugendberatung und Jugendhilfe e.V., Frankfurt, OSSIP (Offensive Sozialarbeit, Sicherheit, Intervention, Prävention)

„Die wohnungslosen Menschen, die wir unterstützen, haben eine Vielzahl von körperlichen und psychischen Begleiterkrankungen, die fortlaufend behandelt werden müssen. Die Medizinische Versorgung von Hilfebedürftigen ist teuer und nicht immer durch die Krankenversicherung gedeckt.“

 

Pheman Rokni, Jugendberatung und Jugendhilfe e.V., Frankfurt, OSSIP (Offensive Sozialarbeit, Sicherheit, Intervention, Prävention)

Ihr Kontakt

Jessica Magnus

Referentin für Soziale Sicherung
Über der Lahn 5
65549 Limburg